Cheese Rolling
Von sportlichem Käse, Zeremonienmeistern und dem englischen Sonderstatus in Europa...
Käse hat ja bekanntlich viele wunderbare Eigenschaften! Zweifellos zu den schönsten gehört, dass er – ordentlich in Form gebracht – rollen kann wie nichts Gutes. Eine Eigenschaft, die insbesondere auf Hügeln zum Tragen kommt, genauer gesagt: auf Cooper’s Hill im englischen Gloucestershire.
Alljährlich (am 28. Mai war es wieder so weit) findet hier das traditionsbewusste „Cheese Rolling“ statt, eine Mischung aus Extremsport und lustigem Ausflug der kompletten Belegschaft einer geschlossenen Anstalt.
Aber der Reihe nach: Alles beginnt mit einer groß angelegten Reinigungsaktion, während der jedweder Schmutz und Müll vom Hügel entfernt und die Rennstrecke mit einer Art Sicherheitszaun begrenzt wird.
Am Renntag selbst erscheint ein verhutzeltes Männlein mit weißem Kittel, Zylinder mit Schärpe und Respekt einflößendem Gehstock, um die Position des „Master of Ceremonies“ einzunehmen. Würdevoll führt er einen halb oder ganz prominenten Gastroller auf die Spitze des Hügels, wo bereits zwei bis zwanzig Aktive unruhig in einer Reihe sitzen.
Die Spannung erreicht ihren Siedepunkt, da erschallt die Stimme des Zeremonienmeisters wie Donnerhall:
„One to be ready!
Two to be steady!
Three to prepare!”
In diesem Moment entlässt der Gastroller den mehrpfündigen Doppel-Gloucester-Käse auf seinen rasanten Weg den Abhang hinab!
„…and four to be off!“
Ein Satz wie ein Zündholz! Wie von der Tarantel gestochen, rennen, springen, rollen, stürzen und rutschen die Kombattanten nun den Hügel herunter, einzig und allein mit dem Auftrag, schneller zu sein als dieser vermaledeite Käse.
Ursprünglich galt es, das runde Milchprodukt gar zu fangen, aber die Realität hat diese Regel verabschiedet. Manchmal gelingt es einem Hasardeur, vor dem Käse anzukommen, normalerweise gewinnt aber derjenige, der vor dem Rest des Feldes unten eintrifft. Der Gewinner bekommt – neben Ruhm und Ehre – natürlich den Käse, während Zweiter und Dritter höchstens noch schnöde Geldpreise mitnehmen dürfen.
Der Zeremonienmeister startet bis zu fünf Rennen, davon eines allein für Frauen, bei denen kleinere Blessuren wie Schürfwunden und Knochenbrüche mit britischem Humor getragen werden. Schließlich hat man an einer Traditionsveranstaltung mit über hundertjähriger Geschichte mitgewirkt und seinen kleinen Anteil daran gehabt, dass England bei aller europäischen Integration auf dem Kontinent auf ewig einen gewissen Sonderstatus behalten wird.
L.
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