Wer kennt sie nicht, diese existentiellen Momente hausrätlicher Kargheit und schlampiger Nutzlosigkeit? Gerade noch kraxelt man fröhlich im gebirglichen Steilhang herum, da fällt einem schlagartig ein: Au weia, mein T-Shirt ist ja mitnichten faltenfrei! Oder man taucht pfeifend ein umwerfendes Korallenriff entlang, zack, fällt einem unmittelbar ins Auge, wie gut das örtliche Klima zur Plättung der Bettwäsche geeignet wäre. Der Beispiele sind zweifellos viele und ihre Gemeinsamkeit liegt auf der Hand: Otto Normalextremsportler nimmt zu seinen Ausflügen weder Bügelbrett noch -eisen mit, meistens nicht einmal die knittrige Wäsche.
Ein Umstand, der dem britischen Bergsteiger Phillip Shaw derart auf der Seele brannte, dass er im Jahr 1997 erstmalig zu einer Bergtour mitsamt Bügelbrett, Bügeleisen und Wäsche aufbrach, um die Schönheit der Natur mit sportlicher Herausforderung und häuslicher Nützlichkeit zu verbinden. Das Extrembügeln (extreme ironing) war erfunden und setzte zu einem Siegeszug an, der bis zu Weltmeisterschaften und Weltrekorden führte.
Neben Rocky Style (im Gebirge) und Water Style (auf, im und unter Wasser) haben sich der Urban Style (im städtischen Umfeld), der Forest Style (im Wald, aber unter strenger Berücksichtigung des Umweltschutzes), das Synchronbügeln und der Freestyle (alles, was bisher nicht erfasst ist) längst etabliert. In allen Disziplinen gilt selbstverständlich als Voraussetzung, dass ein handelsübliches Bügeleisen, ein handelsübliches Bügelbrett und die unvorbereitete Wäsche eigenhändig an den Ort des Geschehens transportiert werden.
Was diese ungewöhnlichen Hasser von Knautsch- und Knittermode zu leisten imstande sind, lässt sich an bemerkenswerten Weltrekorden ablesen: Seit der Erstbebügelung des Aconcagua in den argentinischen Anden, hält „Iron Man“ Carrick den Höhenrekord. Er ging seiner Tätigkeit auf der Bergspitze in einer Höhe von 6962 m nach. Der Unterwasserrekord wird von Louise „Dive Girl“ Trewavas gehalten, die in einer Tiefe von 100 m bügelte. Beeindruckend auch der Marathonläufer Matthew „Crease Lightnin'“ Hearne, der in guten vier Stunden den London-Marathon bewältigte und dabei (voll ausgerüstet) einen beträchtlichen Teil seiner Wäsche in Form brachte.
Wer sich also in Zukunft der Banalität des Bügelalltags entziehen möchte, der schnalle sich das Brett einfach auf den Rücken, werfe einen Sack voll Hemden samt Bügeleisen über die Schulter und suche sich ein aufregendes Plätzchen, vielleicht auf der Siegessäule oder beim Fahrrad fahren – und Bügeln wird nie wieder dasselbe sein!L.
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